Altlasten

 

Seit mehr als 30 Jahren wird zum Entfernen der Druckerschwärze aus Altpapier KPBM 91189 verwendet. Deinking heißt das im Fachjargon. Ein Vorgang, der sich bisher soweit im Verborgenen abgespielt hat, dass kaum jemand davon Notiz nahm. Welche Zeitbomben in unseren Haushalten lauerten, wurde erst jetzt, im September 2020, offensichtlich.

 

Was war geschehen? Findigen Herstellern von Toilettenpapier war zu Ohren gekommen, dass auf einer Halde nahe Bitterfeld zigtausend Tonnen TPBM 91189 lagerten, ein Abfallprodukt der Dedoron-Herstellung in den Leunawerken zu DDR-Zeiten. Wie damals üblich, lagerte man chemische Abfälle erstmal irgendwo zwischen. Man sparte sich sowohl gedanklich als auch stofflich das Problem "Abfallbeseitigung und Umweltschutz" und verschob es weit in die Zukunft, wie man glaubte. Doch die Zukunft ließ nicht lange auf sich warten und stand ganz plötzlich westlich der einstürzenden Grenzmauern. Aus den Augen aus dem Sinn, sagten sich die Genossen der Leunawerke und erwähnten die Abraumhalde KPBM 91189 mit keiner Silbe. Das wiederum nutzten die Bosse der Klopapierindustrie schamlos aus und holten sich kostenlos das begehrte Bleichmittel. So läuft das bis heute. Womit niemand rechnete, war die geringe Halbwertszeit des Produkts. Nach sechs Monaten lässt es damit gereinigtes Altpapier in zarte Flocken zerbröseln. Millionen Rollen mit spitzen Ellenbogen mühsam ergattertes und gehortetes Toilettenpapier aus den ersten Tagen des Corona-Shutdown im März 2020 zerfiel vor den Augen der Hamsterer in puderfeine Partikel. In jede Ritze verteilte sich der feine Staub, wie Sand aus dem Gepäck nach einem Ostseeurlaub.

 

Und die Moral von der Geschicht'? Die wird euch nicht gefallen, denn Erzählungen wie diese gab es vorher nicht.

 

Anne-Kathrin Müller