Mummenschanz

Man soll ja nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, obwohl beides auf Bäumen wächst und als Obst gehandelt wird.

Und doch drängt sich der Vergleich von Atemschutzmasken, Maulkörben sowie anderen Vermummungsvarianten geradezu auf. Wer trägt schon freiwillig eine Gesichtsbedeckung, wenn es nicht medizinisch geboten ist oder von religiösen Unterdrückern gefordert wird! Vom Karneval mal abgesehen, vielleicht um sich vor starkem Frost zu schützen oder unerkannt auf einer Demonstration seinen Unmut kund zu tun. Einen Schal bei -10 Grad übers Gesicht gezogen, wenn auch nur für zwei Minuten, kann eine Anklage wegen Verstoßes gegen das Vermummungsverbot in Deutschland nach sich ziehen, wenn ein ambitionierter Polizeibeamter mit Profilneurose am Rande einer Demo in Berlin-Kreuzberg auf solch eine Situation lauert. Oder es ist ein Räuber auf Beutezug, der sein Konterfei vor Wiedererkennung schützen will. Das Maskentragen aus rituellen Gründen hat sich nicht über die Jahrtausende in die Neuzeit retten können und wird heutzutage gerne von Rockmusikern als Teil des Bühnenoutfits zur Schau getragen.
Masken sind "In", entwickeln sich derzeit vom medizinischen Wegwerfprodukt zum modischen Accessoire. Wer kann, der näht sie für andere und zuletzt für sich selbst. BürgerInnenpflicht, wie einst das Strümpfestricken in den Weltkriegen. Verhüllung von Mund und Nase ist geboten, um sich und andere vor einer Ansteckung mit der Krönung aller Viren zu schützen.
Heute, Anfang Juni 2020 , kann es schnell geschehen, dass man schiefe Blicke erntet, wenn man sich ohne Mund- und Nasenschutzmaske einem Laden auch nur nähert. Es kommt eben auf das Setting an. Die einen schwören drauf, andere versuchen es zu vermeiden. Unangenehm ist es auf jeden Fall, der eigenen Atemluft das letzte bisschen Sauerstoff zu entziehen. Keuchend und schwitzend, mit angelaufenen Brillengläsern, wird der Besuch im Supermarkt schnell zum Höllentrip. Gemütliches Flanieren durch Konsumtempel war gestern. Im romantisch gefärbten Rückspiegelblick erinnern wir uns jetzt schon sehnsüchtig der Zeiten, in denen Shoppen noch zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der meisten Industrielandbewohner gehörte.
Alles hat ein Ende, doch die Maske hat zwei. Corona hustet sich ins Fäustchen und lauert auf die nächste ungeschützte Schleimhaut.

 

Anne-Kathrin Müller