Shutdown

 

Am Tag der Schulschließungen, für die, die es ganz genau wissen wollen: es war Dienstag, der 17. März 2020, wollte ich bei REWE ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Gemüse, Quark und frische Hefe standen auf meinem inneren Einkaufszettel. Vorher war ich zu einem Hausbesuch bei einem Rentnerehepaar, einer davon schwerstbehindert, weshalb ich regelmäßig Termine vor Ort habe. Schon während der Blutentnahme gab es nur ein Thema: Corona! Und wie das nun weitergehen soll. Wer soll auf die Kinder aufpassen, wenn nicht die Großeltern? Doch zu denen dürfen sie keinen Kontakt haben. Getreu unserem Ritual tranken wir noch eine Tasse frisch gebrühten Kaffee zusammen. Brötchen und Marmelade lehnte ich dankend ab. Man lobte mich für meine Disziplin in Sachen gesunder Ernährung. Das war mein Stichwort, um mich zu verabschieden. Schließlich wollte ich auf dem Rückweg noch ein paar gute Lebensmittel einkaufen.

 

Bei REWE war es so wie kurz vor Weihnachten. Die Menschen packten ihre Körbe voll, als stünde eine Hungersnot bevor. Jung und Alt war auf den Beinen. Die Kinder durften ja ab heute nur im Notfall in den Kitas und Schulen betreut werden, deshalb blieben sie im Schlepptau der Eltern. Zielstrebig lenkte ich meinen Einkaufswagen in die Gemüseabteilung, ließ mich von dem farbenfrohen Angebot locken und hatte schnell Brokkoli und Paprika gefunden. In der Kartoffelabteilung stutzte ich das erste Mal: leere Regale! Außer bei den Biokartoffeln, die waren den Hamsterern wohl zu teuer. Mir sollte es recht sein, weil ohnehin nur Erdäpfel in Bioqualität in meinen Korb wandern sollten. Auf dem Weg zu Quark und Sahne fiel mir auf, dass vor allem die Billigware bei den Müslis stark dezimiert war. Aha! Aus purer Neugierde schaute ich etwas aufmerksamer in die Regalreihen. Kein Tierfutter mehr! Keine Trockenhefe! Ein Lehrling putzte die leeren Fächer. So etwas hatte ich seit 30 Jahren nicht mehr gesehen. Was wollten die Leute mit der vielen Trockenhefe? Endlich selber Brötchen backen? Den Duft der Kindheit zurückzaubern? Oder Hefeklöße machen, die wie früher bei Oma schmecken? Ich hätte nochmal bei den Obstkonserven vorbeischauen sollen, ob auch die Heidelbeergläser weggekauft worden waren.

 

Nun schaute ich mir auch die Menschen etwas genauer an. Alle taten ganz normal, jedoch waberten Stressmoleküle durch die kalte Supermarktluft. Die Anspannung schien greifbar zu werden. Auch ich tat ganz normal, grüßte bekannte Gesichter und erntete hochgezogene Schultern und Augenbrauen. Was will man machen, schienen sie sagen zu wollen. Unruhe breitete sich in mir aus. Haben wir genug Trinkwasservorräte zu Hause? Sofort fielen mir Szenarien aus „Blackout“ von Marc Elsberg ein! Kalter Schweiß sammelte sich in meinem Nacken. Schnell noch zwei Kisten Stilles Wasser in den Einkaufswagen und nochmal zurück in die Käseabteilung. Anstehen an der Kasse. Selten war ich so froh, wieder zu Hause zu sein. Noch vor dem gründlichen Händewaschen fragte mich L., ob ich mich habe anstecken lassen. Nein, nicht vom Corona-Virus. Dafür aber vom Hamsterzwang.

 

Anne-Kathrin Müller